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Geschichten aus Ban Nong Waeng

Verfasst: 10.05.2026 09:19
von dogmai
Die folgenden Geschichten habe ich Anfang der 1980er Jahre geschrieben.

Ein kleines Dorf im Isaan

Ein kleines Dorf und nur wenig reizvoll. Ein verschlafener Ort, ein paar armselige Hütten. Kein Ort, den man sich auf einer Ansichtspostkarte vorstellen könnte, aber nur zu typisch für hunderte anderer Dörfer im Isaan, dem Nordosten Thailands.
Ein Gebiet, an dem Thailand schon lange chronisch leidet. Ein Gebiet, in dem Natur und zivilisatorische Verwahrlosung gemeinsam den Menschen das Leben schwermachen.
Dieses kleine Dorf in der Nähe von Roi Et ist mir besonders ans Herz gewachsen: Ban Nong Waeng, so benannt nach dem Dorfweiher, dem Nong Waeng. Dem Geburtsort meiner Ehefrau All.
Hier bin ich inzwischen zu einem Einheimischen geworden und kann doch nicht so oft hier sein, wie ich gerne möchte, auch wenn sich unser Reisemittelpunkt in Thailand inzwischen nach Korat verlagert hat.
Idylle im Dorf
Idylle im Dorf
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Hier stört niemand die Idylle. Wie lange noch? Foto von 1982 (Im Mittelpunkt meine Frau All)

Weiß jemand nicht, wo Ban Nong Waeng liegt?

Verfasst: 10.05.2026 09:26
von dogmai
Ich wußte es auch nicht. Es ist ein kleines, verschlafenes Dorf südlich der Stadt Roi Et.

Roi Et? Das ist eine Provinzhauptstadt im Nordosten Thailands, im Isaan also, aufregend wie der siebte Stein der dritten Reihe in einem Seitenbau der chinesischen Mauer.

Ban Nong Waeng? Nein, eine Busfahrkarte nach dort gab es nicht, gibt es auch heute noch nicht. 1981, also zu der Zeit dieser Erzählung, ist das Dorf nicht einmal das, was man heute unter einem Dorf versteht. Es ist ein kleiner Flecken inmitten von Feldern, auf denen je nach Jahreszeit Reis oder Tabak angebaut wird. Es gab noch keine ...ach, das kommt ja noch später.

Doch dieser Flecken Baan Nong Waeng spielt eine große Rolle in meinem Leben, wurde dort doch vor langer Zeit ein Kind geboren, das heute der Mittelpunkt meines Lebens ist. Es ist nämlich zu einer Frau herangewachsen und ist meine Frau geworden, mein Glücksfall. Und eigentlich ungeplant war meine mir ganz frisch angetraute Ehefrau wild entschlossen, mir, dem Deutschen, dieses Nest nahe zubringen. Ich hatte keine Ahnung, was da auf mich zukommen würde. Meine Frau - sie heißt All, aber das ist ihr Nickname, ihr richtiger Name, den kaum jemand kennt, ist Pour – kannte sich natürlich bestens aus. Ihr Onkel war der Besitzer eines kleinen Hotels in Bangkok, und von dort starteten wir dann unseren großen Ausflug nach Nordost-Thailand. Das Taxi besorgte natürlich sie am Straßenrand. Nachdem sie sich während der Fahrt einige Minuten mit dem Taxifahrer gestritten hatte, (so dachte ich damals), da waren wir schon 10 Minuten unterwegs, steuerte dieser den von ihr genannten Haltepunkt an.

Dort angekommen, musste ich mich auf unseren Koffer setzen, und sie besorgte die Fahrkarten. Das gelang ihr aber erst, nachdem wir wieder ein Taxi bestiegen und nun zum richtigen Busbahnhof gefahren waren. Ich wußte damals nicht einmal, was ein Busbahnhof war, geschweige denn, von welchem wir hätten abfahren müssen.  Aber das hätte sowieso keine Rolle gespielt.
Busbahnhof Mo Chit
Busbahnhof Mo Chit
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Oh je, eine Thai in Thailand. Heute kennt sie sich in Koblenz wirklich besser aus als ich, aber eben nur in Koblenz. In Thailand bin ich der Guide. Doch zurück. Die sechstündige Busfahrt war keineswegs das, was ich als Vergnügungsfahrt hätte betrachten können. Heute gibt es bequeme VIP-Busse für diese Strecke. Damals nicht. Es war ein enger Bus, ohne Komfort, wenn man den eingebauten Eisschrank, der als Klimaanlage diente, als Komfort ansehen will. Der Fahrpreis war spottbillig, und staunenswerterweise erhielten wir unterwegs in einer Raststätte noch ein opulentes landesübliches Mahl. Ein breites Bett wäre mir sicher lieber gewesen, aber noch konnte man mit einem Bett nicht nach Ban Nong Waeng gelangen. Nicht einmal schlafen konnte ich, denn die Musik aus dem Radio dröhnte so laut, dass sich sogar die Thais beschwerten, aber der Busfahrer bestand darauf, per Radio wachgehalten zu werden. Schliesslich war es ja eine Nachtfahrt.

Eine ungewöhnliche Art, Kaffee zu kochen

Verfasst: 10.05.2026 16:06
von dogmai
Also, ich war geographisch im Isaan angekommen, aber bei weitem noch nicht existenziell.

Aber noch kümmert sich meine Frau um mich. Sie kannte ja meinen morgendlichen Kaffeedurst, und so bemühte sie sich. Nach einigem Herumfragen hatte sie jemanden gefunden, der mit dem Wort Kaffee etwas anzufangen wußte, und freundlich lächelnde Menschen winkten mir zu, mich zu ihnen zu setzen. Ich hörte irgendwie bruchstückhaft das Wort Gafä heraus, und jemand hatte eine Karaffe mit dampfendem Wasser in der Hand. Ich wurde nun Zeuge einer unglaublichen Kaffeezubereitung, und noch heute staune ich irgendwie bei dem Gedanken. Also, das war so:

in einen kleinen Topf mit Henkel wurde eine süße Milch aus der Dose (sah aus und war auch wie die in Deutschland damals wie heute noch käufliche Milchmädchen-gesüßte-Milch-Dose) etwa zu einem Viertel gefüllt. Darüber kam ein engmaschiges Netz mit braunem Pulver. Es roch eigentlich nicht nach Kaffee, soll es aber gewesen sein. Über dieses Netz wurde dann das dampfende Wasser gaaanz langsam gegossen. Nachdem die "Tasse" halb voll war, wurde per Hand das Netz ausgewrungen und das Ganze dann per Löffel durchgerührt. Immer noch freundlich lächelnd bot man mir dann die Tasse Kaffee an.
Analogfoto Markt in Roi Et
Analogfoto Markt in Roi Et
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Ich sah mich vorsichtig um, aber ich konnte auf keinem Gesicht so was wie Schadenfreude erkennen, eher eine gespannte Erwartung. Meine Frau sprach nun eines der wenigen deutschen Worte aus, die sie bis dahin gelernt hatte: "Trink, Schatz". Und auch sie guckte erwartungsvoll, und so setzte ich den Topf / die Tasse an die Lippen und nahm ganz vorsichtig einen achtel Schluck. Ich habe in meiner Bundeswehrzeit eine Ausbildung zum Einzelkämpfer mitgemacht, wir mußten Würmer essen und Brennnesseltee trinken und das ohne zu Mucken, zu Murren, zu Würgen oder zu Spucken. Aber es war nichts im Vergleich zu diesem Genuß. Ich habe in meinem Leben auch gelernt, mich zu beherrschen, vor allem, wenn es darum geht, die Gefühle anderer nicht zu verletzen. Was mich letztendlich dazu brachte, Kaffee zu trinken, war das Erlebnis mit dem Sam Lor, und daß ich da schon meine Frau an den Rand des Gesichtsverlustet gebracht hatte. Ich bin heute noch stolz auf mich, wie ich die Ehre meiner Frau verteidigt habe.

Wenn Ihr mal nach Roi Et kommt, in die Nähe des Marktes, dann genießt den Kaffee, der dort heute geboten wird. Er unterscheidet sich heutzutage nicht mehr von dem Kaffee, den Ihr in Straßencafes genießen könnt.

Ihr seid aber damit um das Erlebnis Eures Lebens gekommen: The Roi Et Gafä Original 1981.

Re: Geschichten aus Ban Nong Waeng

Verfasst: 10.05.2026 17:15
von Willi Wacker
...diesen Gafä. gibbet bei uns in Udon immer noch.
Eine Daumenbreite dicke süße Milch aus der Dose in ein Glas darüber der Gaffä aus dem Strumpf.
Mein Lieblings Cafe.Umrühren muss du selbst.
Dazu zweiFinger ...Pa Tang go...das sind Teigstücke,sehen aus wie zwei zusammen gewachsene Finger, in Oel heraus gebacken. Isst man zum Gafä gäe,also alter Café. aus Tradition ...das Gebäck kommt aber ursprünglich von eingewanderten Chinesen aus Yunnan...
( da kommt fast jeden Tag eine ältere Frau mit einem Wagen ,welchen sie vor sich herschiebt bei uns vorbei...)

Re: Eine ungewöhnliche Art, Kaffee zu kochen

Verfasst: 11.05.2026 14:06
von thai.fun
dogmai hat geschrieben: 10.05.2026 16:06 ... wir mußten Würmer essen und Brennnesseltee trinken und das ohne zu Mucken, zu Murren, zu Würgen oder zu Spucken. ...
... schlimmer als im Krieg unter dem Hakenkreuz ! :sad1:

Re: Geschichten aus Ban Nong Waeng

Verfasst: 12.05.2026 11:15
von dogmai
Nein, das ist nicht zu vergleichen. Meine Ausbildung war 1969, also zum Beginn des Vietnamkrieges, und wir wurden für einen Krieg ausgebildet! Aber das will ich in diesem Thread, der meine schönen Erlebnisse in Thailand aufzeigen soll, nicht weiter vertiefen.

Unvergessliche allererste Fahrt nach Ban Nong Waeng

Verfasst: 12.05.2026 11:21
von dogmai
Der Umsteigepunkt und somit der Ort meines Kaffeegenusses war der Marktplatz, und gewaltige Düfte nach Gebratenem, Gesottenem und auch Undefinierbarem, sprich weithin Stinkendem, tat sich mir auf. Ach, tausend Nasen hätte ich haben müssen ! Irgendwie kam ein Gefühl auf von Romantik, der Selbstvergessenheit, des Glücklichseins: ich erlebe Thailand, wie es sonst kein Tourist erlebt. Dieses erfüllte mich mit Stolz, denn ich wußte es noch nicht besser.

Daß dies hier keine Romantik, sondern das harte Leben war, sollte ich erst viel später merken. Ich bin sicher, daß ich nicht der Einzige bin, bei dem dieser Gedanken aufkommt, wenn er einmal in der Provinz auftaucht und glaubt, nur jetzt könne er und nur er das wirkliche Thailand erleben. Nun gut, so ganz wußte ich nicht, was ich auf dem Markt soll, zumal mich All auf eben jenen LKW verludt, der schon sie transportiert hatte und jetzt am Rande des Marktes geparkt wurde. Ohne jede Erklärung waren unsere Koffer und ich alleinige Insassen des Fahrzeuges. Dieses verfügte auf der Ladefläche über zwei Sitzbänke.

Inzwischen war die Sonne aufgegangen und es wurde recht warm. Und so seit zwei Stunden ließ sich meine Frau schon nicht sehen. Ich stand zwischendurch auf, stieg auf die Straße hinab. Nur die Angst, nicht zurück zu finden oder daß der LKW irgendwie losfuhr und unseren Koffer mitnahm hielt mich ab, über den Markt zu schlendern. Nach und nach tauchten einzelne Frauen auf mit Körben auf der Schulter, gelegentlich ein Huhn oder ein Küken im Korb. Sie nahmen weitab von mir Platz und schnatterten aufeinander ein. Die verstohlenen Blicke wurden dabei immer häufiger, aber die thailändischen Worte für dick und weiß und Ausländer fielen nicht, zumindest konnte ich sie bei meinem damals spärlichen Wortschatz nicht ausmachen. Zu diesem Zeitpunkt war ich ja noch des Glaubens, diese Menschen sprächen Thai!
Ein Auto nach Ban Nong Waeng
Ein Auto nach Ban Nong Waeng
Ban-Nong-Waeng_0048.jpg (56.31 KiB) 350 mal betrachtet
Ich machte ein möglichst gelangweiltes Gesicht und versuchte, mich an die Telefonnummer der Deutschen Botschaft in Bangkok zu erinnern. Ich wußte ja nicht, ob mich mein Weib hier verkaufen wollte. Zwar hatte ich noch nie von Vielmännerei in Thailand gehört, wußte aber auch nicht, ob unsere in Dänemark geschlossene Ehe auch in Thailand anerkannt sei. Und es fiel mir nichts, aber auch garnichts ein, mit dem ich hätte eine Verteidigung aufbauen können, und so ging ich zum Angriff über. Ich sah den Frauen einzeln ins Gesicht - und lächelte. Und zum dritten Mal an diesem Morgen ging die Sonne auf, man lächelte zurück, nickte mir freundlich zu – und sah sich einander an und kicherte und lachte, man wollte sich nicht mehr einkriegen. Eine alte Dame erklomm nun den LKW, spähte ein wenig umher und setzte sich forsch direkt neben mich. Einen großen Korb führte sie mit sich, gefüllt mit Obst, wie ich es bisher noch nicht gesehen hatte. Ihr Mund öffnete sich zu einem breiten Lächeln und zeigte tiefbraune und schwarze Zähne, dabei volle rote Lippen.

Sie beugte sich etwas vor und entließ ihrem Mund einen breiten Strahl rostbraunen Saftes, der zielsicher ohne das Holz zu benässen durch einen breiten Spalt im Fahrzeugboden nach unten schoss. Wieder sah sie mich an, ihre Augen strahlten und blitzen. Wenn ich je ein beeindruckendes Gesicht gesehen habe, das ich freundlich, ja gütig nennen kann, dann war es dieses Gesicht. Eher rund zu nennen, über einer hohen Stirn kurze weiße Haare, kleine Falten in den Augenwinkeln schaute sie zu mir auf. Ja, sogar im Sitzen war ich noch eine ganze Ecke größer als sie, die vielleicht einen Meter vierzig maß. Sie trug Goldschmuck, wenig, aber passend zu ihr. Nur ihr hätte dieser Schmuck gestanden. Es ging eine Würde von dieser Frau aus, die mich schnell eingefangen hatte. „He, Falang“ glaubte ich zu verstehen. Falang, das kannte ich doch. Ich schaute sie an. „He, Falang“. Ja, das kam aus ihrem Mund.

Es klang wohlwollend, ich konnte aus diesen Worten etwas heraushören. Willkommen etwa, wer bist du. Ihre Worte kamen einwandfrei aus ihrem Mund, jedoch so, als würde sie mit vollem Mund sprechen. Sie kramte in ihrem Korb, ihre Hand hielt ein Handtuch, das um eine kleine Dose gewickelt war. Vorsichtig öffnete sie beides, Handtuch und Dose und entnahm ein paar Kerne, die sie sich in den Mund stopfte. Klar, von Betelnuss hatte ich ja schon gehört und erinnerte mich, daß man davon schwarze Zähne bekam und viel spucken mußte. Unwillkürlich mußte ich lachen. Man schien das für ein Zeichen zu halten, denn die Hand bewegte sich auf mich zu und hielt mir einige Kerne hin. Ein Zeigefinger deutete nacheinander auf Kerne und mich und das bedeutet international, daß mir etwas angeboten wurde.

Ich hatte mal gehört, daß Eskimos jemanden umbringen, wenn der ein Gastgeschenk ablehnt. Würde man hier auch so weit gehen? Ich riskierte es, legte eine Hand auf meine Brust, zog mit der anderen meine Zigaretten hervor und bot meinerseits eine Zigarette an. Es folgte ein Heiterkeitsausbruch, den ich bis heute nicht vergessen habe, alle wurden angesteckt, man konnte sich garnicht beruhigen. Und plötzlich streckten sich Hände nach mir aus, die Bananen, Mangos, Litschis, Kekse und Leckereien enthielten. Falang, klang es, Falang war das einzige Wort, das für mich hörbar war, Falang war eine Melodie, Falang war eine Hymne. Kein Wort, kein einziges Wort konnte ich erkennen, aber ich verstand.

Man hieß mich willkommen. Ich war schon angekommen bei ihnen, denn der LKW war das einzige Auto des Dorfes, und es fuhr jeden Morgen zum Markt und brachte die Frauen und ihre Waren hin und die Frauen und ihre nicht verkauften Waren wieder ins Dorf zurück, in unser Dorf, in mein Dorf.

Nach Ban Nong Waeng.

Beginnt Ihr zu ahnen, was mich noch heute zu diesem Dorf zieht?

In Ban Nong Waeng angekommen

Verfasst: 12.05.2026 21:26
von dogmai
Langsam wurde mir trotz - vielleicht auch wegen - der Freundlichkeit der mich umsitzenden Damen doch heiß und so war ich froh, als sich meine Frau dann doch noch einfand, zusammen mit dem Fahrer. Er wird noch eine große Rolle für mich spielen, war er doch der Herr über den gesamten motorisierten Fuhrpark des Dorfes - ein LKW. Die Dorfbewohnerinnen hatten also ihre Ware weitgehend verkauft, die Städterinnen demgemäß ihr Mittagessen beisammen, und so konnte der Heimweg beginnen. Der erste Teil eines harten Arbeitstages war beendet, fast Mittagszeit. Langsam, als überlege es noch, setzt sich das Gefährt in Bewegung. Es ächzt und stöhnt dabei, eine riesige schwarze Auspuffwolke begleitet uns noch eine Weile, bringt die Augen zum Tränen und den Hals zum Husten. Nicht nur mir geht es so, auch meinen Nachbarinnen. Ich wage es nicht, meiner Frau Vorwürfe zu machen ob meiner Einsamkeit zu Beginn. Es wäre auch kaum machbar gewesen, denn während ich mich auf der Ladefläche schmal machen musste hatte sie vorne neben dem Fahrer Platz genommen.

Roi Et macht auf mich gar keinen Eindruck, nicht mal einen schlechten. Was ich von meinem Platz aus sehen kann sind Roi Ets kleine, wie geduckt wirkende Häuser, höchstens zwei Stockwerke hoch. Aber in jedem Haus scheint auch ein Geschäft zu sein. Die langsame Fahrt lässt mich deutlich erkennen, was hier unter Geschäft zu verstehen ist. Im Erdgeschoss befinden sich größere Räume, die nach der Straße hin offen sind, davor wird Ware ausgelegt oder aufgehängt, hier und da kann man bis an die Hinterwand schauen. Wenig Leute sind unterwegs, aber es ist ja auch teuflisch heiß.
Roi Et
Roi Et
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Bald haben wir den Stadtrand erreicht, die Häuser stehen jetzt vereinzelter. Die Straße kommt mir jetzt ein wenig bekannt vor, und als wir den Busbahnhof passieren weiß ich es genau. Auf dieser Straße hatte mich mein Rikschafahrer mühevoll transportiert, und jetzt kann ich erst ermessen, welche Arbeit er hat leisten müssen. Die Fahrt auf der Straße geht jetzt richtig flott voran. Trotzdem wird unser Auto ständig überholt, dabei wird gehupt, dicht aufgefahren vorne, dicht aufgefahren hinten, dicht aufgefahren an den Seiten, aber niemanden regt das auf – außer mir. Ich sehe mich bereits mit gebrochenen Knochen im Krankenhaus, weil wir im Straßengraben landen, sehe schlimme Unfälle passieren, schreiende Menschen um mich herum, meine Frau schaut mit großen Augen auf mich herab, plötzlich direkt vor mir ein Ozeandampfer.

Als ich aus meinem Schlaf hochschrecke sehe ich direkt hinter uns einen der Überlandbusse, und er hat mich wohl mit seiner durchdringende Hupe geweckt. Wieder sehe ich Menschen um mich herum, aber keiner schreit, alle lachen ob meiner verstörten Blicke. Ich muss diesen Leuten wirklich viel Spaß bereiten, denn bisher haben sie viel über mich und mit mir gelacht. Ich weiß nicht, wieviel Zeit vergangen ist, denn ich trage keine Uhr am Arm, Die habe ich mir bei Abfahrt in Bangkok ausgezogen und in meine Umhängetasche gesteckt. Nicht weil ich Angst hatte, das gute Stück würde verloren gehen, sondern ich brauchte sie nicht, jetzt nicht, in den nächsten Tagen nicht. Warum überhaupt noch?
Roi Et
Roi Et
Roi Et_0204.jpg (67.63 KiB) 324 mal betrachtet
Wir biegen von der Straße, die wohl nach Bangkok führen muss, ab und wechseln auf einen schmalen Weg. Die Frauen hatten sich schon alle Tücher über das Gesicht gezogen und der Sinn wurde mir schnell klar, als sich die Luft mit rotem Staub füllt, der sich schnell auf die Kleidung legt und auch die Haut bedeckt. Ich habe immer in meiner Umhängetasche ein Handtuch, jetzt wurde es zu meinem Staubschleier. Wer einmal das Buch „Lohn der Angst“ gelesen hat der weiß, dass eine Buckelpiste mit hoher Geschwindigkeit befahren werden muss, damit mitgeführtes Nitroglyzerin nicht explodiert. Seit dieser Fahrt glaube ich diesem Buch nicht mehr. Trotz relativ schneller Fahrt, nur unwesentlich langsamer als auf der Hauptstraße, spüre ich jedes Schlagloch, jede Vertiefung, jeden kleinen Stein. Auf einer solchen Strecke ist vielleicht einmal der Shake erfunden worden, als ein dürstender Mitfahrer mühsam ein hohes Glas mit Milch füllte um den Versuch des Trinkens zu unternehmen.
Der Dorfeingang
Der Dorfeingang
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Wir passieren einen Torbogen, der sich quer über die Straße spannt, und die Fahrt des Autos verlangsamt sich. Erster Halt, und die ersten Frauen verlassen uns, nicht ohne sich noch einmal zu mir umzudrehen, mich anzulächeln und mir einen Gruß zuzurufen. Sie gehen nach vorne zum Fahrer um den Fahrpreis zu bezahlen, laden sich die Körbe auf mit den nicht verkauften Resten ihrer Ware, stehen noch kurz zusammen, sicherlich um sich über den zusätzlichen Fahrgast heute noch einmal zu unterhalten und wenden sich ihrem weiteren Tagesablauf zu.

Ein Ablauf der auch zu dem meinen werden sollte, aber das wusste ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht.